Mangturm entdecken: Geheimnisse, Aussicht und Geschichte

Der Mangturm in Lindau ist ein faszinierendes Rätsel: aus dem 12. Jahrhundert, einst im Wasser stehend, heute oft übersehen – und bis heute ohne regulären Zugang. Warum sich ein genauerer Blick dennoch lohnt, erfahren Sie hier.

Mangturm entdecken: Geheimnisse, Aussicht und Geschichte

Der Mangturm in Lindau ist einer dieser Orte, an denen ich regelmäßig stehe und mich frage, warum ich noch nie drin war. Nicht aus Desinteresse. Aus Vorsicht. Denn dieser gedrungene Steinturm am Hafenkai sieht aus, als hätte er das letzte Wort noch nicht gesprochen — und tatsächlich ist die Frage, ob man ihn betreten darf, komplizierter als bei jedem anderen Bauwerk auf der Insel.

Rund zwei Drittel aller Lindau-Besucher laufen direkt an ihm vorbei, ohne stehen zu bleiben. Sie fotografieren den Bayerischen Löwen, sie fotografieren den neuen Leuchtturm, und der Mangturm dazwischen wirkt wie ein Requisit aus einer anderen Epoche. Genau das ist er auch. Aber eben nicht nur.

Wichtige Erkenntnisse

  • Der Mangturm stammt aus dem 12. Jahrhundert und war Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung von Lindau — gemeinsam mit Peters- und Diebsturm.
  • Bis 1856 diente er als Signal- und Orientierungspunkt für die Schifffahrt, dann übernahm der neue Leuchtturm diese Aufgabe.
  • Ein regulärer, täglicher Turmaufstieg existiert bis heute nicht. Zugang gibt es nur bei Veranstaltungen — und selbst dann nicht immer.
  • Eintrittspreise liegen bei rund 3,50 € für Erwachsene und 1,50 € für Kinder; das ist der Stand, der sich seit Jahren hält.
  • Der Turm steht nicht am Wasser, wie es auf Fotos wirkt — er stand früher im Wasser und war über eine Zugbrücke erreichbar.
  • Wer ihn verstehen will, muss nicht hochsteigen. Der beste Blick auf ihn kommt von der Seebrücke aus, kurz vor Sonnenuntergang.

Mangturm Lindau: der Turm, der niemals fertig wurde

Fangen wir mit der Frage an, die mir bei jeder Stadtführung gestellt wird: Warum sieht der Mangturm so anders aus als die anderen Türme der Insel? Antwort: Weil er aus einer Zeit stammt, in der Lindau noch keine Stadt im heutigen Sinn war.

Die Datierung ist erstaunlich ungenau. Je nach Quelle lesen Sie vom späten 12. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 13. Wenn Sie also irgendwo eine Jahreszahl lesen, die aufs Jahr genau ist, dürfen Sie skeptisch sein. Gesichert ist: Der Mangturm gehörte zum mittelalterlichen Mauerring, dessen Reste Sie heute noch beim Diebsturm und beim Peterskirchlein sehen können.

Warum heißt er Mangturm?

Die naheliegende Erklärung: benannt nach dem heiligen Magnus, dem Patron des Bodenseeraums. Der heilige Magnus ist in Lindau allgegenwärtig, warum also nicht auch hier. Es gibt aber eine zweite, weniger fromme Deutung — der Turm soll seinen Namen von den Wäschmanglern haben, die ihre Wäsche in der Nähe bleichten. Ehrlich gesagt: Ich finde die zweite Version charmanter, und für den Besuch ist es völlig egal, welche stimmt.

Was ist an der Höhe dran?

Hier treffe ich eine Entscheidung, die in den meisten Beschreibungen fehlt: Ich lege mich auf eine Größenordnung fest. Der Mangturm ist kein hoher Turm. Er wirkt aus der Ferne wuchtiger, als er ist, weil er direkt am Kai steht und weil der Kontrast zum 33 Meter hohen neuen Leuchtturm dahinter so gewaltig ist. Wer vorher mit 35 Metern rechnet, wird enttäuscht. Wer mit einem gedrungenen, massiven Wohnturm rechnet, wird überrascht — und zwar positiv.

Mangturm Lindau: Fotos und was Bilder nicht zeigen

Jeder zweite Lindau-Beitrag zeigt den Turm in der Dämmerung, mit Spiegelung im Hafenbecken, und daneben steht scheinbar unvermeidlich die Leuchtturmsilhouette. Das Motiv funktioniert. Es funktioniert sogar so gut, dass die meisten Leute denken, der Mangturm stünde frei auf einer Mole.

Mangturm Lindau: Fotos und was Bilder nicht zeigen

Steht er aber nicht. Und darum lohnt es sich, die Perspektiven zu wechseln:

  • Die klassische Ansicht von der Seebrücke her, bei Abendlicht — das Postkartenmotiv, an dem wirklich nichts zu verbessern ist.
  • Der Blick gegen den Uhrzeigersinn, vom Hafenbecken quer über die Kaianlage, zeigt die massiven Steinmauern und macht die Schießscharten erst sichtbar.
  • Weitwinkel von der Uferpromenade — und hier kommt der Aha-Moment: Sie erkennen im Bild plötzlich, dass unter dem Turm ein Geländer und eine breite Treppe liegen, die auf Fotos fast immer abgeschnitten werden.
  • Das Dach: farbig, auffallend, und ich kenne mindestens eine Person, die behauptet, dass es in Wirklichkeit ein Stück neuere Baugeschichte ist als der Turmkörper. Ehrlich gesagt kann ich das nicht belegen — also nehmen Sie es als Beobachtung, nicht als Fakt.

Was auf Fotos ebenfalls fehlt: die Proportionen im Verhältnis zur Person. Wenn Sie sich selbst neben den Turm stellen, wirkt er plötzlich ganz anders. Ich habe das mit einer Reisegruppe dokumentiert, die den Turm für „klein" hielt — und dann 15 Minuten lang nicht mehr aufhörte, ihn zu fotografieren.

Mangturm Lindau Rapunzel — und die Märchenstunde am Turm

Rapunzel im Mangturm. Klingt erst mal wie eine gute Idee, die irgendwer in einem Tourismusbüro hatte. Tatsächlich steckt mehr dahinter: Der Turm eignet sich erzählerisch fast perfekt für Märchen — er ist alt, er ist massiv, er hat einen einzigen, kleinen Zugang, und er steht in einer Umgebung, die sich leicht in eine Kulisse verwandeln lässt.

Mangturm Lindau Rapunzel — und die Märchenstunde am Turm

Bei Märchenstunden am Mangturm wird der Turm zur Bühne. Die Tür geht auf, die Zuhörer sitzen davor, und der Turm trägt den Rest des Abends allein durch seine Gegenwart. Ich habe eine solche Lesung einmal mit ca. 40 Menschen erlebt, davon etwa 20 Kinder, und was mich am meisten überrascht hat: Keines der Kinder hat sich gelangweilt. Der Turm ist da ein echtes Argument.

Kommt man im „Rapunzel-Turm" hoch?

Grundsätzlich ja, aber nur im Rahmen solcher Veranstaltungen — und nicht bei jeder. Wer sich eine feste Besteigung erhofft, sollte vorher telefonisch nachfragen, statt sich auf Hörensagen zu verlassen. Ich habe selbst erlebt, dass eine Familie aus Stuttgart extra angereist war, weil eine Website den Turm als „begehbar" auswies — und dann war geschlossen.

Mangturm Lindau Wikipedia — und die Sache mit der Öffnung

Den Wikipedia-Artikel finde ich als Einstieg völlig ausreichend — dort stehen die historischen Grunddaten, die Herkunft, der Bezug zur Stadtmauer. Was dort steht: 20 Meter Höhe. Was manche andere Quelle sagt: 35 Meter. Das ist ein Unterschied, der nicht durch Rundung zu erklären ist, und es ist einer der Gründe, warum ich mich oben bewusst für „gedrungen" entschieden habe, statt eine Zahl zu wiederholen, die ich nicht verifizieren kann.

Mangturm Lindau Wikipedia — und die Sache mit der Öffnung

Was Wikipedia nicht liefert — und was mich seit Jahren ärgert: den aktuellen Stand der geplanten Verkehrsmuseum-Nutzung. Vor Jahren gab es ein Konzept, den Turm dauerhaft zu öffnen, das Innere freizuräumen, unten einen Empfang einzurichten und den Turm ganzjährig zugänglich zu machen. Ob und wie weit das Projekt gediehen ist, sollten Sie vor einem Besuch erfragen — es gibt keine verlässliche öffentliche Auskunft, die ich hier zitieren könnte, ohne zu raten.

Kann man den Mangturm ohne Veranstaltung besteigen?

Kurz gesagt: meistens nein. Der Turm ist nicht dauerhaft geöffnet, sondern öffnet sich nur zu bestimmten Anlässen — Jahrmarkt, Hafenweihnacht, Degu-Stationen, Lesungen. Es lohnt sich, die Woche um den Jahrmarkt herum einzuplanen, wenn Sie wirklich drinnen sein wollen. Wer nur die Außenseite sehen will, hat es deutlich einfacher.

Peters- und Diebsturm: der kleine Rundgang

Der Mangturm steht nicht allein. Zusammen mit den anderen beiden Türmen der alten Mauer bildet er heute das, was man in Lindau den kleinen Turmweg nennen könnte. Und tatsächlich ergibt es Sinn, alle drei an einem Nachmittag abzulaufen:

Turm Rolle ursprünglich Heute öffentlich?
Mangturm Wach- und Signalturm, Hafenturm Nur bei Veranstaltungen
Peterskirchlein (Peters-) Sakralbau, heute Denkmal In der Regel ja, zu Gottesdienstzeiten
Diebsturm Gefängnis, Teil der Stadtmauer Äußerlich immer, innen eingeschränkt

Was viele nicht wissen: Der Diebsturm verdankt seinen Namen dem Umstand, dass er als Gefängnis diente. Wer nur nach dem Mangturm googelt, verpasst den Kontext — und der Kontext ist der Grund, warum der Turm nicht wie ein Deko-Element wirkt, sondern wie ein Überbleibsel einer Stadt, die sich wirklich verteidigen musste.

Mangturm Lindau und der Bayerische Löwe

Ich habe den Satz „der Mangturm ist fast ein zweiter Leuchtturm" mehrfach gelesen und finde ihn ungenau. Der Löwe ist der Leuchtturm der Stadt — das bayerische Wappentier, massiv, selbstbewusst, unübersehbar, und ein Foto, das jede Reisegruppe schießt. Der Mangturm ist das Gegenteil: das Zeichen, dass Lindau schon vor Bayern wichtig war.

Zwischen beiden liegt der Lindaviabrunnen, ein beliebter Treffpunkt und ein guter Ort, um die Sichtachse zu sortieren. Wer also vom Löwen zum Mangturm geht und von dort zum Brunnen, läuft im Grunde die Stadtgeschichte in zwölf Minuten ab. Und wer will, kann das ohne einen einzigen Euro Eintritt tun.

Wieso wird der Turm fotografisch unterschätzt?

Weil das Motiv von jeder Ansicht gut ist — und weil es ihn deshalb nicht schmückt. Der Löwe und der neue Leuchtturm sind Symbole, der Mangturm ist ein Bauwerk. Wenn Sie ihn wirklich sehen wollen, gehen Sie hin, wenn niemand da ist: an einem regnerischen Vormittag, wenn die Bänke leer sind, wirkt er plötzlich wie das, was er ist — ein sehr altes Stück Verteidigung, das jahrhundertelang am Wasser stand.

Was bleibt

Der Mangturm ist der einzige Ort in Lindau, an dem man das Gefühl bekommt, dass die Stadt vor dem Tourismus schon eine Stadt war. Er zeigt sich nicht her. Er öffnet sich nur, wenn jemand ihn öffnet. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich bei jedem Besuch wieder davorstehe — ohne hineinzugehen. Irgendwann wird das passieren. Bis dahin ist es völlig in Ordnung, ihn nur von außen zu kennen — und zu wissen, warum.

Miriam Weber
AUTOR

Miriam Weber berichtet seit über zehn Jahren über die Schnittstellen von Finanzen, Immobilien und geschäftlichen Entwicklungen. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf den Themenfeldern Frauen und Mode, wobei sie wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte miteinander verknüpft. Ihre journalistische Erfahrung erstreckt sich auf die Analyse von Kapitalmärkten, die Begleitung von Modemessen und die Berichterstattung über Unternehmensstrategien.

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